Wissenschaftler warnen vor einem Erdbeben mit fatalen Folgen für Istanbul

Naturgefahren und Städte

Nach statistischen Berechnungen ist seit vier Jahren ein Erdbeben der Stärke 7,5 in der Metropolregion Istanbul überfällig. Professor Dr. Marco Bohnhoff vom Helmholtz-Zentrum Potsdam – Deutsches GeoForschungsZentrum – im Interview über die damit verbundenen Gefahren. Es geht nicht um Panikmache, sondern viel mehr darum, wie sich jeder auf so ein Erdbeben in Istanbul schon heute vorbereiten sollte.

Seit Jahresbeginn ereignen sich regelmäßig Erdbeben mit einer Stärke zwischen zwei bis fünf Magnitude auf der Richterskala an der Ägäis und am Marmarameer. Allein Anfang Mai wurde die griechische Insel Kreta an einem einzigen Wochenende 39mal von Erdbeben bis zu einer Stärke von 6 Magnitude erschüttert. „Das sich so viele Erdbeben in kürzester Zeit ereignen, ist nichts Ungewöhnliches”, sagt Professor Marco Bohnhoff vom Helmholtz Zentrum Potsdam – dem Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ). Statistisch betrachtet, ereignen sich jede Woche bis zu drei Erdbeben weltweit mit einer Stärke von 6 Magnitude und höher. Moderate Erdbeben mit der Stärke fünf bis sechs passieren bis zu 1.300 Mal jährlich. Kleinere Beben zwischen drei bis vier auf der Richterskala ereignen sich so gar geschätzte 130.000 Mal. ,

Solange sich die Epizentren dieser starken Beben beispielsweise in Gebieten mit geringer Bevölkerungsdichte und guter Bausubstanz befinden, oder aber der Erdbebenherd in größerer Tiefe liegt, treten kaum schwerwiegende Folgen auf.

Prof. Marco Bohnhoff

Allerdings machen sich Wissenschaftler der türkischen Katastrophenschutzbehörde AFAD, (Afet ve Acil Durum Yönetimi Başkanlığı) und das GFZ großen Sorgen um Istanbul. Statistisch berechnet, ist ein großes Erdbeben der Stärke 7,5 seit mehr als vier Jahren überfällig, das sich im Marmarameer in unmittelbarer Nähe zu der 16 Millionen-Metropole Istanbul ereignen soll. Vor fünf Jahren berichtete ich auf meinem Blog AllaroundTurkey das erste Mal darüber. Warum die Wissenschaftler so besorgt sind, ist leicht erklärt: Dreiviertel aller Gebäude in Istanbul könnten so einem fatalen Erdbeben nicht standhalten.

Wenn die Erde auf einmal bebt

Vergangenen September saß ich mit meinem Freund Emin Can Aksoy beim Frühstück auf der Logia im 13. Stock seines Appartements in Erenköy auf der asiatischen Seite Istanbuls. Plötzlich schwappte das Wasser im Glas. Die Fensterscheiben vibrierten. Unter meinen Füssen schien sich der Fußboden ganz leicht zu bewegen. Ich spürte, wie sich mein Hals zuschnürte. In einem Bruchteil von einer Sekunde erinnerte ich mich an mein erstes Erdbeben nachts in meinem Häuschen direkt am Camelbeach in Bodrum Kargı. Ich muss schlagartig kreidebleich geworden sein. Mein Lebenspartner stand ruhig auf, nahm mich an die Hand und sagte: „Komm, wir warten das Erdbeben im Wohnzimmer ab. Da sind wir sicherer.”
Der Spuk dauerte keine zehn Sekunden, doch es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Später erfuhren wir von AFAD, dass das Erdbeben eine Stärke von 5,8 auf der Richterskala aufwies und in weiten Teilen Istanbuls besonders stark zu spüren war. Es blieb vor allem bei Sachschäden. Wenige Menschen erlitten leichte Verletzungen.

Erst schwappte das Wasser im Glas, dann fingen die Scheiben an zu vibrieren. Wir verliessen die Loggia und gingen ins Wohnzimmer, um uns zu schützen.

Im Falle eines Bebens zählt jede Sekunde, um kritische Infrastrukturen abzuschalten oder Brücken und Tunnel zu sperren.

Prof. Marco Bohnhoff, Helmholtz-Zentrum Potsdam – Deutsches GeoForschungsZentrum

Erdbebenforschern Bohnhoff sorgt sich um Istanbul

Obwohl ich weiß, wie sehr Istanbul erdbebengefährdet ist, verdränge ich das immer wieder gern, so bald ich in dieser wunderbaren Stadt mit all’ seinen zahlreichen Prachtbauten wie dem Galataturm, der Blauen Moschee, Hagia Sophia, Topkapi Palast, Großer Basar, Cisterna Basilica oder dem Dolmabahce Palast bin. Allerdings hat mich das vergangene Erdbeben im September noch mal daran erinnert, wie wichtig es ist, richtig informiert und vorbereitet zu sein. Ich habe beispielsweise meinen Erste-Hilfe-Kurs von 1988 jetzt noch einmal aufgefrischt, um in einer solchen Situation richtig und sinnvoll helfen zu können. Und es ist ein Grund mehr, um meinen einstigen Bericht auf AllaroundTurkey noch einmal aufzuarbeiten und den Erdbebenforscher Professor Marco Bohnhoff erneut zu befragen, wie kritisch die Gefahr eines möglichen Erdbebens der Stärke 7,5 Situation aktuell für Istanbul ist.

Die Metropole am Bosporus liegt nahe an der sogenannten Nordanatolischen Verwerfungszone, die unmittelbar vor den Toren der Stadt unterhalb des Marmara-Meeres verläuft. Dort staut sich Energie im Untergrund, weil sich Erdplatten ineinander verhaken und die Bewegung dadurch aufgehalten wird – so lange, bis ein großes Beben diese Energie freisetzt.

Bereits 2008 haben Wissenschaftler hochsensible Messgeräte zur Erfassung kleinster Bodenerschütterungen in mehreren 300 Meter tiefen Bohrungen rund um das östliche Marmara-Meer und auf der Insel Büyükada südlich von Istanbul installiert. Die Wissenschaftler erhoffen sich so neue Einblicke in die physikalischen Prozesse, die in den Jahren vor, während und nach einem starken Erdbeben (Magnitude >7) wirken. So sollen diese Messungen auch dabei helfen, Erdbebenmodelle neu zu definieren und zu kalibrieren, um eine bessere Gefahrenabschätzung für die Stadt vornehmen zu können. Auf diese Weise wollen die Forschenden einen Beitrag zu Istanbuls Erdbeben-Frühwarnsystem leisten.

Vier Strainmeter ergänzen die Seismografen. Die Deformationsmessgeräte messen den unterirdischen Atmungspuls der Erdkruste in Form elektrischer Spannungen. Weitere sieben Bohrungen sind geplant. Darin sollen zudem faseroptische Kabel eingesetzt werden. Deren Daten gilt es dann in Echtzeit nach Potsdam und Ankara zu übertragen und mit neu zu entwickelnden Algorithmen so zu nutzen, dass sie ein Prognose basiertes Erdbebenfrühwarnsystem füttern. Bild: GFZ

Kurz-Biographie

Professor Marco Bohnhoff ist Leiter der GFZ-Sektion Geomechanik und Rheologie in Potsdam. Aufgrund seiner wissenschaftlichen Leistung, wurde er zum Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e.V. gewählt. Die Leibniz-Sozietät ist eine Vereinigung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den Natur-, Geistes-, Sozial- und Technikwissenschaften zur Förderung von Forschung und Wissensaustausch. Es können nur Personen als Mitglied gewählt werden, die auf ihrem Fachgebiet „hervorragende wissenschaftliche Leistung“ erbringen.

Prof. Marco Bohnhoff im Interview über die Gefahr eines starken Erdbebens in der Metropolenregion Istanbul

Herr Bohnhoff, wie eng arbeitet die GFZ mit dem türkischen Institut AFAD zusammen?

Prof. Bohnhoff: Wir pflegen eine langjährige und sehr enge Zusammenarbeit mit AFAD. Das Herzstück unserer Zusammenarbeit ist das so genannte Erdbeben-Überwachsungsobservatorium, das aus mehreren Bohrungen rund um das östliche Marmarameer besteht. Wir führen hier rund um die Uhr Bohrungen durch, um so sehr empfindlich messen zu können, wo welche Erschütterungen stattfinden. So können wir auch die Werte vieler sehr kleiner Erdbeben sammeln. In Deutschland nutzen wir diese Erkenntnisse in erster Linie wissenschaftlich, um die Prozesse besser zu verstehen und um langfristig dann auch Beiträge zu leisten, zur Frühwarnung und für mögliche Erdbeben-Vorhersagen. Und die türkischen Kollegen und Behörden nutzen diese Daten für eine verbesserte Frühwarnung und um auch die Bevölkerung jederzeit zu informieren, wo es wann und wo ein Erdbeben geben wird.

Warum ist die türkische Metropole Istanbul so stark von einem Erdbeben gefährdet?

Prof. Bohnhoff: Es besteht Einigkeit unter den Experten darüber, dass wir in naher Zukunft mit einem starken Erdbeben in unmittelbarer Nähe zur Stadt Istanbul rechnen müssen. Diese Abschätzung wird abgeleitet aus dem Auftreten von mehreren Starkbeben im Verlauf der Geschichte Istanbuls. Diese reicht mehrere tausend Jahre zurück und bietet damit im Vergleich zu vielen anderen erdbebengefährdeten Ballungszentren weltweit eine statistisch sehr solide Basis. Bekannt ist auch die andauernde Kontinentalverschiebung unterhalb des Marmara-Meeres und die Tatsache, dass direkt vor den Toren Istanbuls ein Bereich der Erdbebenzone liegt, der zurzeit keine seismische Aktivität zeigt. Das ist ein Indiz dafür, dass diese wahrscheinlich komplett ineinander verhakt ist. Damit baut sich dort seit dem letzten Starkbeben im Jahr 1766 Jahr für Jahr in dieser Region Spannung auf, die sich früher oder später in einem starken Erdbeben entladen wird.

Sie warnen bereits seit Jahren vor den verheerenden Auswirkungen eines Erdbebens unweit des Istanbuler Stadtzentrums. Wie schätzen Sie die Gefahr aktuell ein?

Prof. Bohnhoff: Vieles deutet darauf hin, dass dieser verhakte Bereich bereits kritisch geladen ist und sich in der letzten Phase des sogenannten seismischen Zyklus befindet. Wenn dann die Festigkeit des Gesteins an einer Stelle überschritten wird, baut sich die gesamte angestaute Energie innerhalb von Sekunden ruckartig ab und wird zu einen Versatz beider Erdplatten um mehrere Meter führen. Die dabei entstehenden Erdbebenwellen stellen dann die eigentliche Gefahr für Gebäude, Infrastruktur und letztlich der örtlichen Bevölkerung dar. Es ist also nicht die Frage des «ob«, sondern die des «wie stark« und des «wann«. Die Stärke können wir mittlerweile durch Analyse der regionalen Erdbeben im Verlauf der letzten 2.300 Jahre nach oben eingrenzen.

Kann man etwas zum Verlauf eines solchen Bebens sagen?

Prof. Bohnhoff: Wir haben mit unseren Forschungsdaten einen neuen hochpräzisen Seismizitätskatalog für die gesamte Marmara-Region erarbeitet, in dem wir die Messdaten aus unserem Plattenrandobservatorium mit den Messdaten unserer türkischen Kollegen kombiniert haben. Damit konnten wir unter Anderem kleine wiederkehrende Beben unterhalb des westlichen Marmara-Meeres identifizieren, sogenannte seismische «repeater«. Die Ergebnisse weisen darauf hin, die beiden Erdplatten dort partiell aneinander vorbei gleiten. Dies bedeutet in der Konsequenz, dass das nächste große Beben seinen Ursprung eher unterhalb des östlichen Marmara-Meeres direkt vor Istanbul nehmen wird. Die Bruchausbreitung würde dann primär in westlicher Richtung verlaufen, also von der Stadt weg. Das ist prinzipiell eine gute Nachricht. Allerdings werden wir für diesen Fall mit einer erheblich kürzeren Frühwarnzeit von nur wenigen Sekunden zu rechnen haben. Im Falle eines Bebens zählt aber jede Sekunde, um beispielsweise kritische Infrastrukturen abzuschalten oder Brücken und Tunnel zu sperren

Bild: GFZ

Bereits 1939 ereignete sich ein großes Erdbeben in Ostanatolien. Besteht hier ein Zusammenhang?

Prof. Bohnhoff: Das sehr starke Erdbeben ereignete sich in Erzincan in der Ost-Türkei. Das ist die gleiche Plattengrenze, die so genannte nordanatolische Verwerfungszone, die sozusagen die anatolische Platte mit der Türkei von Eurasien im Norden trennt. An dieser Plattengrenze, schieben sich diese beiden Erdplatten aneinander vorbei. Die Türkei bewegt sich nach Westen mit zwei bis drei Zentimeter pro Jahr. Seit 1939 gab es eine Reihe von sehr starken Erdbeben in unregelmäßigen Abständen in der Region Erzincan. Auch in diesem Jahr ereigneten sich bereits mehrere Erdbeben dort. Sie können sich das wie eine Perlenkette vorstellen, die sich Richtung Westen bewegt. Das letzte große Beben war 1999 in Gölcük und in Izmit, das dann auch schon Auswirkungen in Istanbul hatte. Das letzte Segment dieser ganzen Plattengrenze, befindet sich bedauerlicherweise unterhalb des Marmarameeres und damit direkt vor Istanbul. Das macht die Situation für Istanbul so gefährlich.

Jedes Jahr verschiebt sich die Platte um 2,5 Zentimeter nach Westen. Bild: GFZ
Die Platten sind miteinander verhakt, so dass es früher oder später zu einem schweren Erdbeben kommen wird. Bild: GFZ

Bedeutet das, dass das Erdbeben im Zentrum Istanbuls erwartet wird?

Prof. Bohnhoff: Nein, es wird nicht im Stadtzentrum Istanbuls erwartet. Die Plattengrenze verläuft unterhalb des Marmarameeres, das liegt so 15 bis 20 Kilometer vor Istanbul, aber das wird natürlich aufgrund der Nähe zu Istanbul dramatische Auswirkungen auf alle umliegenden Bereiche haben. Es wird Istanbul besonders hart treffen, aufgrund der Infrastruktur der Menschen, die dort wohnen. Deswegen wird Istanbul im Bezug auf die Erdbebenschäden ganz klar der Hotspot dieser Region sein.

Welche Gemeinden in Istanbul werden von diesem Erdbeben betroffen sein?

Prof. Bohnhoff: Bei so einem Erdbeben bewegen sich zwei Flächen aneinander vorbei. Im Fall des zu erwartenden großen Bebens südlich von Istanbul wird es vermutlich so sein, dass sich eine Fläche, die fast über das gesamte Marmarameer reicht, von der Oberfläche bis zu einer Tiefe von 20 Kilometer innerhalb von Sekunden um zwei bis drei Meter verschiebt. Gewaltige Kräfte werden dabei ausgelöst. Welche Stadtbezirke dann stark bzw. weniger stark betroffen sein werden, lässt sich adhoc nicht sagen, aber generell kann man sagen, dass die Auswirkungen um so stärker und um so schlimmer sein werden, je weicher der Untergrund ist.

Können Sie uns hierfür ein Beispiel benennen?

Der Bereich im südlichen europäischen Teil der Stadt, wo sich der nahezu stillgelegte Flughafen Atatürk befindet, also in Yeşilköy und Bakırköy, ist besonders stark gefährdet. Der Atatürk Flughafen wurde auf einer ausgetrockneten Lagune gebaut. Demzufolge ist der Untergrund ein sehr weicher Sandboden. Dort werden die Erschütterungen des Erdbeben größer sein als in Gebieten der Stadt, die auf Felsen gebaut wurden. Das heißt aber nicht, dass die Gebäude nicht auch einstürzen können. Kommt es in Yeşilköy und Bakırköy zu Schäden, könnte dies im Falle eines Bebens auch das Einfliegen von Rettungskräften erschweren.

Der Atatürk Flughafen liegt im europäischen Teil der Metropole im Stadtteil Yeşilköy, 24 km südwestlich der Stadtmitte. Er wurde auf einer ausgetrockneten Lagune, also auf Sand, gebaut. Bild: Wikipedia

Wie erdbebengefährdet ist die asiatische Seite Istanbuls wie beispielsweise Maltepe, Erenköy oder auch Kadıköy?

Prof. Bohnhoff: Die asiatische Seite ist im Vergleich Ost und West weniger betroffen, dass heißt aber nicht, daß dort Häuser nicht einstürzen werden und das es dort nicht auch zu Opfern kommen wird. Es gibt vom türkischen Katastrophenschutz AFAD detaillierte Karten darüber, wo mit zu erwartenden Erschütterungen zu rechnen ist.

Istanbul erstreckt sich über etwa 50 Kilometer in west-östlicher wie in nord-südlicher Richtung und wird durch den Bosporus in eine europäische und eine asiatische Seite geteilt. Das Alte, im Süden der europäischen Seite gelegene Stadtzentrum wird zusätzlich durch das Goldene Horn von den nördlicher gelegenen Stadtteilen getrennt. Bild: Wikipedia

Sind diese Karten öffentlich?

Prof. Bohnhoff: Es gibt öffentliche Publikationen dazu, auch von Prof. Dr. Erdig vom Kandili Observatorium in Ankara. Allerdings ist daraus nicht abzuleiten, in welchen Bezirken es zu wie vielen Opfern kommen könnte. Diese Zahlen werden bewusst nicht veröffentlicht, um in der Bevölkerung keine Panik zu schüren. Diese dienen vor allem den Sicherheitsbehörden wie dem Katastrophenschutz, um schnelle Hilfe koordinieren zu können.

Am 27. September 2019 ereignete sich ein Erdbeben im zentralen Marmarameer der Stärke 5.8, das in Erenköy im Bezirk Kadıköy sehr stark zu spüren war. Das bevorstehende Erdbeben wird 7.4 Magnitude erwartet. Wie müssen wir uns das in seinen möglichen Auswirkungen dann vorstellen?

Prof. Bohnhoff: Das Erdbeben in Kadıköy war vergleichsweise bereits ein sehr starkes Erdbeben. Das Erdbeben, dass uns bevorsteht mit einer Magnitude über 7,4 wird demzufolge in seinen Auswirkungen und in seiner Energie 50mal stärker sein. Zehntausende Menschen werden sterben. Das ist sicher. Und noch mehr Menschen werden obdachlos. Von den wirtschaftlichen Folgen will ich erst gar nicht sprechen.

Kann man einen Zeitrahmen benennen, in dem ein Beben in der Region Istanbul stattfinden könnte? 

Prof. Bohnhoff: Um den Zeitrahmen, in dem ein Erdbeben bevorsteht, besser einschätzen zu können, gibt man heute Wahrscheinlichkeiten an. Für das Marmara-Erdbeben lag dieser Wert im Jahr 2004 bei 35–70 Prozent für ein Erdbeben der Magnitude 7 oder größer für einen Zeitraum von 30 Jahren laut einer Berechnung des Kollegen Tom Parsons vom Amerikanischen Geologischen Dienst USGS. Mittlerweile dürfte dieser Wert bereits etwas höher sein. Die genaue Zeit eines Erdbebens kann man aber mit heutigem Erkenntnisstand nicht vorhersagen. Es ist durchaus möglich, dass wir bis zum Jahr 2025 mit einem schweren Beben rechnen müssen.

In wie weit können Institutionen wie AFAD Bürger vor einem Erdbeben warnen?

Der grundsätzliche Unterschied zwischen Erdbebenvorhersage und Frühwarnung ist, das Frühwarnung dann einsetzt, wenn ein Erdbeben schon begonnen hat. Es ist so, dass bei einem Erdbeben verschiedene Wellenarten ausgesendet werden. Die schnellsten Wellen heißen P-Wellen, die zuerst ankommen. Diese sind aber nicht so gefährlich, weil sie nicht so viel Energie transportieren. Später folgen dann die so genannten S-Wellen, die wesentlich größere Bodenerschütterungen mit sich bringen. Ein Frühwarnsystem macht sich diese schnelle P-Wellen zu nutze. Durch automatisierte Prozesse wird dann innerhalb von Sekunden bestimmt, wie stark das Erdbeben war, um sofort berechnen zu können, in wie vielen Sekunden es zu starken Erschütterungen kommen wird. Das ist das Prinzip eines Frühwarnsystems das in Kraft tritt, wenn ein Erdbeben schon begonnen hat und noch aktiv ist.

Wie werden die Bürger informiert bzw. wie kann man Bürger dann noch warnen?

Genau das ist die Herausforderung. Das Frühwarnsystem ist ein äußerst komplexes Unterfangen. Gerade wenn die Erdbebenzone wie bei Istanbul direkt vor der Haustüre liegt. Mexiko-City ist ein Beispiel dafür, dass das Frühwarnsystem funktioniert. Die Erdbebenzone ist rund 300 Kilometer entfernt. Zur Erinnerung, das erwartet Erdbeben vor Istanbul ist nur 15 bis 20 Kilometer entfernt. So hat Mexiko-City im Falle eines Erdbebens eine Minute Zeit, um die Wellen auszuwerten und um die Bevölkerung zu warnen. Das ist für uns eine kleine Ewigkeit, um Menschen z.B. aus ihren Häusern auf die Straße in Sicherheit zu bekommen.

Welche Maßnahmen greifen während eines Erdbebens?

Die Erdbeben werden rund um die Uhr gemessen und aufgezeichnet. Diese Algorithmen erkennen sofort, so bald ein Erdbeben auftritt. Treten P-Wellen an mehreren Stationen gleichzeitig auf, dann wird mit Algorithmen berechnet, ob das ein Erdbeben ist und wenn ja, wo es stattfindet und wie stark es war. Das dauert im besten Fall wenige Sekunden. Dann kommt der Mensch ins Spiel. Gasleitungen werden automatisch geschlossen, Ampeln auf rot gestellt und das gesamte Metro-Netz systematisch zum Erliegen gebracht. Die AFAD würde in der Türkei dann dafür Sorge leisten, dass die Bevölkerung gewarnt wird. Es werden automatisierte What’s App-Nachrichten und Sms’en an die Bürger versendet. Im Radio laufen auf allen Kanälen Warnungen. Lautsprecherdurchsagen werden gemacht. Das ist sozusagen die letzte Meile, ehe das vorläufig totale Chaos in der Millionenmetropole Istanbul ausbrechen wird.

Wird diese Beschreibung auch in Istanbul greifen, falls dieses angekündigte Erdbeben eintritt?

Nein. Das ist unmöglich. Wir werden diese Zeit nicht haben, da sich das Erdbeben quasi vor der Haustüre von Istanbul befindet. Es bleiben maximal zwei bis acht Sekunden, um die Bevölkerung zu warnen. Das reicht niemals aus, um alle Berechnungen umgehend abzuschließen, noch um die Menschen zu informieren, um diese dann auch noch aus ihren Häusern raus zu bekommen. Deshalb ist es gut, dass Istanbuls Bevölkerung seit vielen Jahren auf das bevorstehende Erdbeben vorbereitet wird. Selbst Kinder lernen heute in den Schulen, wie sie sich während eines Erdbeben zu verhalten haben.

Wie schützt man sich in den eigenen vier Wänden während eines Erdbeben?

Grundsätzlich gilt für alle, die sich in einem Haus oder im Büro befinden, die Erschütterung abzuwarten. Der beste Schutz ist unter dem Bett, unter einem Tisch oder man stellt sich unter einem Türrahmen. Erst wenn die Erschütterung vorbei ist, sollte man dann augenblicklich das Haus verlassen, anderenfalls wäre die Gefahr viel zu groß, von herunterfallenden Ziegeln erschlagen zu werden. Fahrstühle sollten keinesfalls mehr genutzt werden.

Sollte das bevorstehende Erdbeben Istanbul so stark treffen, dann ist es unmöglich im 13. oder 15. Stock das Treppenhaus zu benutzen. Was kann man dennoch tun?

Das ist das Worst-Case-Szenario, das Istanbul treffen wird. So schlimm sich das anhört: Wir können diese nicht ändern. Diese wenigen Sekunden, ließen sich nur dadurch verlängern, dass wir bereits vor Auftreten eines Erdbebens wissen, das ein größeres Erdbeben bevorsteht.

Gibt es überhaupt einen Schutz vor großen Erdbeben?

Ja, den gibt es. Der langfristig beste Schutz vor Erdbeben ist eine sichere Bauweise. Es muss weiterhin dringend in Istanbul erdbebensicher gebaut werden. Das ist möglich. Das ist aber leider auch sehr teuer. Die Bausubstanz in Istanbul ist diesbezüglich katastrophal. Nur 100.000 Gebäude sind aktuell erdbebensicher gebaut. 900.000 andere Gebäude erfüllen die strengen Baunormen leider nicht. Bei einem Erdbeben der Stärke 7,5 werden viele dieser Gebäude einfach in sich zusammenstürzen.

Das ist der Grund, weshalb das bevorstehende Erdbeben in Istanbul so katastrophale Auswirkungen für die Bevölkerung haben wird?

Das kann man auf jeden Fall so unterschreiben. Es gibt sehr seriöse Schätzungen der vereinten Nationen, die davon ausgehen, dass man wohl mit mindestens mehreren zehntausenden Toten, Verletzten und Obdachlosen rechnen muß. Ein Erdbeben in dieser Größe wäre auf jeden Fall ein sehr dramatisches Ereignis. Auch die sekundären Effekte dieses Erdbebens wären für die Finanzwirtschaft fatal.

Wie schätzen Sie die Vorkehrungen der Behörden in der Türkei ein, um die Folgen eines schweren Erdbebens begrenzen zu können?

Es ist immer leicht, die Maßnahmen als nicht ausreichend zu bezeichnen, gerade wenn man nicht die Aufgabe hat, diese Leistung selber zu erbringen. Istanbul betreibt seit vielen Jahren einen erheblichen Aufwand, um vorbereitet zu sein, aber für eine 16. Millionen-Einwohner-Stadt ist das ein unglaubliches Unterfangen. Es ist eine Frage von Logistik und eine Frage von Geld.

Gibt es hierfür Pläne und vor allem Gelder, um Istanbul sicherer zu machen?

Der neue Bürgermeister von Istanbul, Ekrem İmamoğlu, hat kürzlich erst eine neue Roadmap auf den Weg gebracht, um die Maßnahmen noch einmal zu verbessern. Zweifelsohne: Es wird viel gemacht, aber letztlich bleibt immer ein Restrisiko. Es ist ein Wettlauf mit der die Zeit.

Gibt es weltweit eine Stadt, die man heute als erdbebensicher bezeichnen könnte?

Ja, das ist zweifelsohne ist das Tokio. Hier werden unglaubliche Finanzmittel für erdbebensicheres Bauen investiert. Das hat zum Beispiel 2011 auch dazu geführt, dass das dramatische Erdbeben an für sich keine großen Schäden angerichtet hat. Die großen Schäden richtete der anschließende Tsunami an.

Wäre ein Tsunami in Istanbul ebenfalls möglich?

Ja, die Gefahr besteht. Historisch gibt es dokumentierte Tsunamis im Marmarameer, die durch ein Erdbeben ausgelöst wurden. Diese Wellen erreichten ein bis zwei, maximal sechs Meter. Solche kleinen Tsunamis, lösen keine dramatischen Probleme und Schäden aus.

Was empfehlen Sie deutschen Touristen, die Istanbul besuchen wollen?

Einige Hotels sind heute bereits erdbebensicher gebaut. Ich würde in jedem Falle das Hotel vorher danach fragen und mir gegebenenfalls so gar ein Zertifikat zeigen lassen, dass das Hotel erdbebensicher ist. Grundsätzlich gilt, dass alle Gebäude die jünger als fünf Jahre sind, bereits einen deutlich besseren Schutz bieten als ältere Gebäude.

Herzlichen Dank, Herr Prof. Bornhoff für das Interview.
Das Interview führte Jacqueline Jane Bartels.


Wie sollte man sich auf ein Erdbeben vorbereiten? 

Das Helmholtz-Zentrum Potsdam – Deutsches GeoForschungsZentrum hat ein Merkblatt heraus gebracht, um sich auf ein mögliches Erdbeben vorzubereiten.

GFZ-Merkblatt:

Die Informationen hierzu findest du hier.


Wann findet wo ein Erdbeben statt?

Aktuelle Erdbebenmeldungen findest du hier.


Jeder deutsche Daueraufenthalter sollte sich in die  Krisenvorsorgeliste (Elefand) des deutschen Auswärtigen Amts registrieren:

Mehr Informationen hierzu findest du hier.


Hast du schon einmal ein Erdbeben erlebt? Dann berichte gern hier über deine Erfahrungen.

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Ein Gedanke zu „Wissenschaftler warnen vor einem Erdbeben mit fatalen Folgen für Istanbul“

  1. Ich habe in Yesilköy zwei Jahre gelebt. Dort gibt es noch viele alte Gebäude, auch das Haus in der sich meine Eigentumswohnung befindet, ist sehr alt. In den letzten Jahren wurden, und werden immer noch, einige dieser alten Häuser abgerissen und erdbebensicher neu gebaut. Das nennt man auf türkisch «Kentsel dönüsüm«. 
    Nach dem Erdbeben in Erzincan, ist das ganze Ausmaß der falsch gebauten Häuser sichtbar geworden. Besonders gut wurde es durch die Unabhängigen Nachrichten z.B. von FOX aufgedeckt, die aufzeigten, wie die Architekten/Bauherrn durch Einsparen von Materialien wie Metall, oder das benutzen vom Meeressand (mit Muscheln) beim Anmischen von Beton, Baukosten gespart haben und das trifft auf die gesamte Türkei zu.
    Die Reporter von FOX sind in diese maroden Häuser und haben über das ganze Ausmaß berichtet. In Deutschland hätte die Bauaufsichtsbehörde bzw. die Statiker die Gebäude für unbewohnbar erklärt und gesperrt, denn die tragendenden Säulen bröckelten bei bloßer Berührung in ihre Einzelteile.

    Aber was sollen die Bewohner dort denn nur machen? Sie wohnen weiterhin dort, da sie sich nichts anderes leisten können.
    Wenn es in der Umgebung von Ataköy, Avcilar, Bakirköy, Florya, Yesilköy und Yesilyurt ein Erdbeben gibt, dann wird es leider Hunderttausende von Toten geben. Da bin ich mir sicher.

    In den letzten 15 Jahren wurden die ganzen Sammelplätze, die bei Katastrophen wie Erdbeben unabdingbar sind und vorhanden waren, durch
    das Erteilen von unerlaubten Baugenehmigungen zu betoniert. Wo ein Wille dort ein Weg – Rant Rant (Money Money) !!!!

    Nach dem großen Erdbeben von 1999 wurde eine Erdbebensteuer ins Leben gerufen. Dieses Geld sollte investiert werden, um
    die Städte einigermaßen erdbebensicher zu machen. Als man einen Minister gefragt hat, ob man das Geld denn nicht jetzt für den Aufbau verwenden kann, sagte dieser, dass das Geld für andere Projekte schon verbraucht wurde.

    Ich bete zu Gott, dass ich dieses Erdbeben nicht erleben werde. 

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