Opferfest 2020 in der Türkei: «Keiner hat das Recht, über Menschen zu urteilen, die trotz Reisewarnung jetzt verreisen«

Neue Serie: Folge 2, 1.Teil

Einer von uns

 von Jacqueline Jane Bartels

Sein Arbeitsplatz ist in Esenyurt auf der europäischen Seite der Provinz Istanbul, doch seit März hängt Nejdet Niflioglu (58) in Stuttgart fest. „Freiwillig”, wie der Wachstums-Chef von Professional Group sagt. Seine Frau Cornelia (53) freut sich darüber genauso wie seine Kinder Aylin (23) und Denis (22). Moderne Arbeitsmethoden wie Homeoffice, Video-Konferenzen und -Telefonie bauen räumliche Brücken zum 2100 Kilometer entfernten Arbeitsplatz. „Meine Kollegen und ich konzentrieren uns auf die wesentlichen Dinge, die vorangebracht werden müssen”, sagt Niflioglu.

Nach wochenlangem Lockdown war es die erlösende Nachricht für alle in Deutschland: Wer reisen will, kann reisen. Allerdings hält das Auswärtige Amt an der Reisewarnung für die Türkei fest und will diese zunächst nicht vor den 31. August aufheben.

Millionen Deutsche, Deutsche mit türkischem Hintergrund und Deutsch-Türken fühlen sich vor den Kopf geschlagen. Nejdet Niflioglu, Botschafter des Integrationsministeriums in Baden Württemberg, hält die Reisewarnung für gesetzwidrig. „Ich wundere mich nicht, dass viele Türkei-Fans der Reisewarnung trotzen und ihren wohlverdienten Urlaub jetzt antreten, den sie bereits im vergangenen Jahr gebucht haben.” Ebenso selbstverständlich ist es für Nejdet Niflioglu, dass viele der drei Millionen Türken, die in Deutschland leben, spätestens zum 30. Juli in die Heimat fliegen werden, denn dann beginnt das viertägige Opferfest (Eid al-Adha).

„Das Opferfest, ist das höchste islamische Fest, das vier Tage lang in der Türkei gefeiert wird. Für viele der drei Millionen Türken ist es das wichtigste Familienfest im Jahr, um endlich wieder mit der Familie zusammen zu kommen. Auch Deutsche feiern Weihnachten mit ihren Liebsten”, sagt Niflioglu. „Man kann auf Dauer Familien und Freunde per Verordnung nicht voneinander trennen. Das funktioniert einfach nicht.”

Tatsächlich: Der Tourismus nimmt wieder Fahrt auf. Allein am vergangenen Sonntag kamen rund 10.000 Touristen mit 55 Maschinen aus sieben Ländern in Antalya an.

Nejdet Niflioglu trat vor 30 Jahren als gelernter Industriekaufmann und Betriebswirt in der Daimlerkonzernzentrale im Werk Untertürkheim an, »um das typische Bild zu ändern: Türke am Fließband, im Blaumann, die Hände ölverschmiert.« Gemeinsam mit fünf türkischstämmigen Mitarbeiter gründete er das Daimler-Türk-Treff 1992, das größte und älteste Mitarbeiternetzwerk in Deutschland. Heute zählen sie 1.500 aktive Mitglieder weltweit. Dafür wurde Nejdet Niflioglu im Oktober 2013 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Erfolgreich in Deutschland und in der Türkei

Als Leiter des Daimler-Türk-Treffs ging er fast drei Jahrzehnte mit seinen Kollegen raus in Schulen und an Universitäten. Dort erzählen sie weiterhin die Geschichte ihrer Karrieren. »Unsere bloße Existenz ist ein gutes Argument gegen Vorurteile«, sagt Niflioglu. Und Vorurteile mochte der smarte Mann im grauen Anzug und vollem weißen Haar noch nie.

„Ich habe eine Vorbildfunktion”

Anstatt sich jetzt ein Flugticket zu kaufen, um nach Istanbul zu fliegen, sitzt Nejdet Niflioglu die Reisewarnung mit seiner Familie in seinem Haus in Stuttgart aus und sagt tiefenentspannt: „Ich habe eine Vorbildfunktion für meine erwachsenen Kinder aber auch für meine Kollegen.” Nejdet Niflioglu ärgert sich gewaltig über die Reisewarnung und zeigt Verständnis für die Reiselust von vielen Deutschen und Türken und für die Feierlaune der Jugendlichen in Großstädten. Er wundert sich keinesfalls über die eskalierenden Aggressionsbereitschaft, wenn ein Polizeiaufgebot die Zusammenkünfte auflösen soll. Warum, erzählt Nejdet Niflioglu im Interview mit Allaroundturkey.

Nejdet Niflioglu mit seiner Tochter Aylin (1. von li.) traf Bentour Reisen-Gründer Kadir Ugur mit seiner Frau Anita auf der Tourismusmesse CMT in Stuttgart: „Im Januar hätte es keiner von uns für möglich gehalten, dass Corona eine ganze Welt lahmlegen könnte.” Foto: privat

Nejdet Niflioglu, was halten Sie davon, dass das Auswärtige Amt an der Reisewarnung festhält?

Dafür habe ich kein Verständnis. Das Schlimmste an dieser Reisewarnung ist, dass man Millionen von Menschen tatsächlich ihre in Jahrzehnten erworbenen Arbeiternehmer- und Bürgerrechte auf einmal entzieht. Ich halte es für kritisch und fraglich, ob es juristisch überhaupt haltbar ist, dass deutsche Krankenversicherungen hergehen und sagen: «…, weil du dich dort mit Corona angesteckt hast, kommen wir für die Behandlungskosten nicht auf.« Warum sollte das bei Corona eine Rolle spielen, wenn es jahrzehntelang bei allen anderen Krankheiten keine Rolle spielte? Bisher hat es keine Krankenversicherung interessiert, wenn sich ein Mensch in Indien mit Malaria ansteckte und im Hamburger Tropeninstitut behandelt werden musste. Doch bei Corona spielt das plötzlich eine Rolle? Nein. Eine Krankheit ist eine Krankheit, egal wo ich sie mir eingefangen habe und als zahlendes Mitglied einer Krankenversicherung habe ich das Recht von Ärzten behandelt zu werden.

Wie und wo verbringen Sie das muslimische Opferfest?

Das Schöne an einer Mischehe ist, dass wir die deutschen christlichen und die türkisch muslimischen Feiertage feiern können. An den muslimischen Hoch-Festen Ramazan und Kurban beginnt der Feiertag mit dem Gebet in der Moschee. Zu diesen Gebeten habe ich meine beiden Kinder immer mitgenommen. Sie haben diesen Anlass mit großer, kindlicher Spannung erwartet. Nach dem Gebet wurden sie nämlich von allen Moschee Besuchern reichlich mit Geldgeschenken bedacht. Alle türkischen oder muslimischen Feiertage sind, genau wie in der deutschen und christlichen Kultur Familienfeste. Also achten wir immer sehr darauf, diese Tage mit der Familie zu feiern. Zu diesen Anlässen war und bin ich immer bei meiner eigenen Familie in Deutschland. Auch ohne Corona Pandemie wäre ich jetzt bei meiner Familie in Deutschland. Deshalb kann ich gut verstehen, dass viele Türken und Deutsch-Türken das Opferfest jetzt mit ihrer Familie in der Türkei verbringen wollen. Das war immer so. Und das wird immer so bleiben – in beiden Kulturen! Das kann man nicht per Reisewarnung unterbinden.

Einige Human Resources Abteilungen in Thüringen, Sachsen, Berlin oder Düsseldorf haben ihren Mitarbeitenden Handzettel vor dem Urlaub zuteil werden lassen, in denen ihnen quasi eine Reise in ein Land mit Reisewarnung untersagt wird. Dürfen Chefs so etwas?

Nein! Es ist unhaltbar, dass deutsche Arbeitgeber ihre Mitarbeiter nach Rückkehr aus einem Land mit Reisewarnung in Quarantäne schicken und dann noch nicht einmal entlohnen wollen. Das halte ich juristisch für nicht haltbar.

Bisher sprach das Auswärtige Amt in Kriegssituationen oder bei Naturkatastrophen eine Reisewarnung aus. Ist die Reisewarnung für die Türkei im Juli noch tragbar?

Es gibt Recht und Gesetz und das ist immer allgemeinverbindlich. Das gilt nicht nur für Bürger, sondern auch für die Regierung eines Landes. Wenn die Regierung Recht und Gesetz bricht, Millionen von Menschen ihre Bürger- und Arbeitnehmerrechte mit einer Entscheidung entzieht, dann halte ich das für gesetzwidrig und für nicht demokratisch. Aus meiner Sicht verstößt die Reisewarnung gegen unsere Verfassung. Die Grundrechte sind das Rückgrat des Grundgesetzes und sie bilden die Werteordnung unseres Landes.

Steht es im Verhältnis, was die Bundesregierung aber auch Arbeitgeber und Krankenkassen, Türkeireisenden aufgrund der bestehenden Reisewarnung abverlangt?

Nein, mit Sicherheit steht das in keinem Verhältnis! Ich kann sehr gut verstehen, dass es Menschen gibt, die alle Warnungen in den Wind schlagen und die Risiken einer möglichen Ansteckung genauso in Kauf nehmen wie eine mögliche 14-tägige Quarantäne bei androhender Lohneinstellung. Aber: Das kann nur jemand nachvollziehen, der jahrelang von seinen Allerliebsten getrennt leben musste. Viele haben während des Lockdowns Familienangehörige durch den Tod verloren und konnten nicht Abschied nehmen. Das ist hart. Verdammt hart. Es gibt nicht nur die Familienverbunden-, sondern auch die Heimatverbundenheit. Es ist doch klar, dass nach der langen Zeit des Lockdowns, Familien und Freunde gerade jetzt zu Feierlichkeiten wie zum Opferfest, dem Kurban Bayram, endlich wieder zusammenkommen wollen. Ebenso muss man Verständnis für alle Türkei-Fans haben. Es steht keinem an, das zu verurteilen, zu kritisieren oder gar in Frage zu stellen. Die Frage ist doch, wann die Gesundheitsminister der Länder PCR Corona Tests für Reiserückkehrer aus Risikogebieten kostenlos anbieten werden.

Werden Sie trotz Reisewarnung in die Türkei reisen?

Nein. Da bin ich nicht Schwabe, sondern Preuße. Ich halte mich an die Reisewarnung, wenngleich ich diese Reisewarnung aus tiefstem Herzen ablehne und bekämpfe.

Können Sie das näher erklären?

Wer jetzt die Reisewarnung ignoriert und trotzdem reist, gibt in dem Augenblick seinen Kindern ein Vorbild ab. Ich befürchte ganz einfach, dass das in der nachwachsenden Generation Spuren hinterlassen könnte. Ich kann nur für mich sprechen, aber ich würde meiner Familie niemals dieses Vorbild abgeben wollen. Auch wenn die Reisewarnung kein Verbot, sondern lediglich eine Warnung ist, birgt sie viele Tücken in sich, die sich aktuell Arbeitgeber und Krankenversicherung völlig ungerechtfertigt zu Eigen machen. Gründe genug, um mich an die Reisewarnung zu halten. Ich werde nicht nach Möglichkeiten suchen, um sie zu umgehen, auch wenn ich die Reisewarnung für verkehrt halte. Um sie zu bekämpfen, gibt es juristische Möglichkeiten!

Haben die Gesundheitsminister versagt?

Tatsache ist, dass sich die Gesundheitsminister viel früher für eine einheitliche Regelung von Tests und Quarantäne-Maßnahmen hätten engagieren müssen. Das hat in der Bevölkerung zu viel Verdruss geführt. Und eins ist auch klar: Wir werden nie eine 100-prozentige Sicherheit haben. Weder in Deutschland noch sonst wo auf der Welt. Aber einheitliche Regelungen bundesweit würde wenigstens für Klarheit sorgen.

Diese Pandemie ist eine Krise, die aktuell in vielen unterschiedlichen Momenten widerspiegelt, wie es in unserer Gesellschaft aussieht. Sind Sie glücklich, mit dem was Sie in Deutschland beobachten?

Nein, überhaupt nicht! Sehr unglücklich bin ich über diese zwei Gesichter unserer Regierung. Auf der einen Seite diese unsinnigen Verordnungen, die kein Mensch nachvollziehen kann. Auf der anderen Seite wundert sich die Regierung über unsere Jugend und fragt sich: «Ja, was hat denn unsere Jugend plötzlich gegen unsere Polizei und Regierung? Warum wird dieser Verdruss der Jugend mit Steinen- Flaschenwürfe auf unsere Polizisten ausgedrückt?« Der Knackpunkt ist doch der, dass es im Leben eines jungen Menschen einen Augenblick gibt, wo er das Bestehende in Frage stellen muss. Und das ist richtig!

Hatten wir das nicht schon einmal?

Ja und zwar mit der 68-er Generation. Sie war nichts anderes als ein Kampf gegen das Etablissement. Sie gingen gegen alles vor, was bis dahin gültig war, um eine ganz neue Gesellschaftsordnung auf den Weg zu bringen. Die Jugend hat damals konsequent alles abgelehnt, was nicht aus der eigenen Generation kam und dafür gekämpft, dass sich alles ändern musste. Sei es die Staats- und Regierungsform. Das Studium- und Schulsystem. Ebenso mussten die Berufszugänge und die Gleichheit der Geschlechter und der Nationen anders dargestellt werden – es war ein Kampf gegen alles Bestehende. Und heute haben wir eventuell einen ähnlichen Fall, den wir gerade jetzt beobachten können. Diese jungen Menschen können überhaupt nicht nachvollziehen, was ihnen hier per Verordnung gerade diktiert wird.

Wie können wir Gewalt-Ausbrüche und Plünderungen der Jugend verhindern?

Da muss sich die Politik bewegen. Wir sind alle gleichermaßen gefordert, jungen Menschen Räume anzubieten, wo sie sich ungestört entfalten können. Im Augenblick bleiben ihnen in Großstädten oftmals nur Parks, Fußgängerzonen oder Parkplätze, um sich treffen zu können, da die Staatsmacht ihre Treffpunkte wie Bars oder Clubs geschlossen hält. Und die Freizügigkeit auf Freiheitsentfaltung wird den jungen Menschen dann durch die Polizei verboten.

Darf man den gesamten Fokus ausschließlich auf Gesundheit legen?

Der Weg kann nicht der sein, dass man ständig Druck auf dem Kessel ausübt, weil der dann irgendwann explodiert, wie wir gerade in Mallorca beobachten mussten. Die jungen Menschen durften monatelang nichts und als sie jetzt in Mallorca waren, hat sich der angestaute Druck und die Frustration der vielen Entbehrungen von einer Sekunde zur nächsten komplett entladen. Wir sind gefordert, uns gesellschaftlich zu überlegen, ob wir gleiche Lebensschwerpunkte betrachten. Wir sehen jetzt einen Lebensschwerpunkt von Gesundheitsminister Spahn, der seinen Fokus auf die Gesundheit der Menschheit gelegt hat. Es gibt das Bedürfnis sich zu entfalten. Es gibt das Bedürfnis sich zu bilden. Es gibt das Bedürfnis sich zu amüsieren. Es gibt das Bedürfnis mit Menschen soziale Kontakte zu pflegen. Es gibt das Bedürfnis zu reisen. Es ist einfach falsch, den gesamten Fokus ausschließlich auf das Bedürfnis Gesundheit zu legen und alle anderen Bedürfnisse komplett per Gesetz-Knopfdruck zu unterdrücken und zu unterbinden.

Das heißt, unsere gesellschaftlichen Schwerpunkte dürfen nicht allgemeingültig verordnet werden?

Unsere Generation ab 50+ muss sich tatsächlich überlegen, ob unsere gesellschaftlichen Schwerpunkte allgemeingültig sein dürfen. Darf es wirklich so sein, dass man den Schutz der über 65-Jährigen einer gesamten Gesellschaft auferlegt und alle anderen Bedürfnisse der Gesellschaft unter 65 Jahren vollkommen ausblendet? Das kann auf Dauer nicht funktionieren. Das läuft gerade falsch in Deutschland.

Haben Sie Ideen, um das anders gestalten zu können?

Ja, die habe ich. Aber wie heißt es so schön: Erst Eier legen, danach gackern. Dazu werde ich mich in den nächsten Tagen konkreter äußern. Wir brauchen schnelle Lösungen für die Menschen, die ein hohes soziales Bedürfnis haben. Es muss möglich sein, dass sich junge Menschen frei begegnen und Partys machen können, ohne sich gegenseitig zu gefährden. Es gibt zum Beispiel diese Silent-Partys, wo Menschen Konzerte mit Kopfhörern verfolgen. Bei diesen Silent Partys kann man Abstände einhalten. Die Leute können sich frei bewegen und tanzen ohne andere Leute durch Lärm oder durch zu viel Nähe zu gefährden. Es müssen jetzt Möglichkeiten geschaffen werden, regionale Entscheider und Bürger zusammenzubringen, um gemeinsame Lösungen zu finden. So können wir gemeinsam Frust abbauen und neue Wege beschreiten.

Es gibt tolle Beispiele junger Leute, die aus dem Nichts etwas aus dem Boden stampfen. Da ist die Hausband LaBrassBanda aus dem tiefsten bayrischen Chiemgau. Corona hat auch sie getroffen. Tour verschoben und Album verspätet. Jetzt starten sie mit einer tollen Idee durch: “Rettet die Wirte & die Kultur”. Sie touren ab Morgen eine Woche lang durch 27 Biergärten.

Solche Projekte verdienen unbürokratische Vollunterstützung, aber die Auflagen der Wirte sind oftmals so hoch, dass viele Wirte und Veranstalter schon nach kurzer Zeit aus finanziellen Gründen wieder aufgeben. Anstatt immer nur zu fordern, sollten Gesundheitsämter und Politiker gemeinsam mit Veranstaltern und Clubbetreibern intelligente Hiygienekonzepte erarbeiten, um jungen Leuten auf legalem Wege Zusammenkünfte zu ermöglichen. Die Behörden und die Gesundheitsämter sollten Open Air-Veranstaltungen auf großen Außenflächen legal zuzulassen. So könnte man die Kontakte nachverfolgen. Heimliche Partys nachts in Freizeitanlagen und Wäldern führen nicht nur zur Umweltsünden, sondern geben Corona erst recht wieder eine Chance.

Ihre Tochter Aylin ist 23 und ihr Sohn Denis ist 22 Jahre alt. Wie offen können Sie mit Ihren Kindern über Corona und den Auswirkungen diskutieren?

Ich bin da sehr nah am Puls des Geschehens. Ich versuche die Bedürfnisse der jungen Generation nachzuvollziehen und ich bin immer darum bemüht, keine Vergleiche zu ziehen. Es steht doch nicht im Grundgesetz: Jeder darf sich entfalten solange es dem anderen passt, sondern da steht drinnen: Jeder hat die Freiheit, sich zu entfalten. Und wir müssen alles daransetzen, ob uns das gefällt oder nicht, diese Freiheit wieder einzurichten. Wir sind die Generation, die das kann! Ich denke, meine Kinder schätzen meine offene Diskussionsbereitschaft, auch wenn sie nicht immer meiner Meinung teilen. Das ist umgekehrt übrigens genauso. Toleranz im Miteinander ist unabdingbar, um gemeinsam weiter zu kommen.

Aylin, Papa Nejdet und Sohn Denis. Foto: privat

Setzt die Pandemie von allen Menschen die selbe Vernunft voraus?

Ist denn meine Vernunft gleich Ihre Vernunft, Frau Bartels? Ist sie gleich der Vernunft von meinem Sohn Denis oder kann Vernunft tatsächlich von Generation zu Generation, von Region zu Region, von Geschlecht zu Geschlecht unterschiedlich ausschauen? Ich würde mal sagen: Ja, das ist so. Das, was ich in dieser schlimmen Zeit sehr gut beobachten konnte, ist dieses tolle Selbstbewusstsein der jungen Generation, die felsenfest an ihr Wissen, an ihre schöpferische Kraft und auch an ihre Art mit Problemen umzugehen glaubt. Als die schwarze Pest im Mittelalter durch Europa zog, gab es dann eine Generation, die die Ursache erkannte, die Krankheit bekämpfte und tatsächlich auch ausrotten konnte. Die junge Generation von heute glaubt felsenfest daran, den Coronavirus Covit-19 ausrotten zu können. Und ich glaube an die Kraft unserer jungen Generation. Ich glaube ganz fest an ihr Wissen, an ihr technisches Know How und an ihre Möglichkeiten, die ganz anders ausschauen als wir alten Hasen uns das überhaupt vorstellen können.

Müssen Situationen eskalieren, um neue Wege beschreiten zu können?

Am Anfang der Pandemie, habe ich in einem Interview geäussert, dass uns die Pandemie nicht gesundheitlich, sondern auf juristischer Ebene noch jahrelang verfolgen wird. Inzwischen weiss ich, dass ich da eine weise Vorahnung hatte. Es werden sehr viele Menschen jetzt oder auch im Nachgang tatsächlich juristische Wege einleiten und das werden Menschen in unserem Alter sein. Und die junge Generation, die löst eben Probleme aufgrund ihrer hormonellen Entwicklungsstadien mit: «Ich haue dir ein paar aufs Maul.« Das machen wir in unserem gesetzten Alter nicht mehr, sondern wir sagen: «Ich verklage dich.« Was im Prinzip das Gleiche ist.

Was ist das Wichtigste, was wir ältere und jüngere Menschen jetzt machen können?

Ich glaube, Reflexion ist das Wichtigste, was wir an den Tag legen können, denn Reflexion bedeutet Empathie. Wir müssen Verständnis aufbringen, für das Aufbegehren von Menschen. Und ich glaube, dass nicht nur junge Menschen, die für uns sichtbar sind, aufbegehren, sondern ich bin davon überzeugt, dass 99 Prozent aller Altenpflegeheimbewohner mit dieser Situation überfordert sind. Diese alten Menschen lehnen sich auch auf. Allerdings sind sie für uns nicht so sichtbar, wie junge Menschen auf Straßen, die Fensterscheiben einschlagen.

Ist der Umgang mit der Pandemie ein Generationenkonflikt?

Nein. Ich glaube, dass die sturen Verordnungen der Bundes- und Landesregierungen viele Konflikte in der gesamten Gesellschaft ausgelöst hat. Alle Politiker unserer Regierung werden noch viel lernen müssen für die Zukunft. Sie haben bereits damit angefangen. Man sieht ja jetzt, dass sich Bund und Länder in vielen Dingen gar nicht so einig sind und umgekehrt. Da, wo Diskussionen und Streitigkeiten entstehen, ist immer etwas in Bewegung. Und wir Bürger sind gefordert, mit klaren Konzepten Politkern auf die Füsse zu treten.


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Biographie

Nejdet Niflioğlu ist seit 24 Jahren mit Cornelia verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Er wurde am 30. September 1962 in İzmir geboren. Mit sieben Jahren kam er 1969 mit seinen Eltern und mit seiner Zwillingsschwester Nasrin von der Millionenstadt an der türkischen Ägäisküste nach Wernau am Neckar in der Nähe von Esslingen. Das einzige deutsche Wort, dass er damals beherrschte, war «Komm«. Wenige Tage nach seiner Ankunft wird er gemeinsam mit seiner Zwillingsschwester eingeschult. Die Grundschullehrerin fördert die Kinder. Nesrin und er machten die Hausaufgaben immer bei Klassenkameraden. Durch den ständigen Kontakt zu deutschen Schülern lernt er deren Sprache schnell. Niflioglu ist strebsam, wird ein hervorragender Schüler. Jeden Abend übersetzte er die Tagesschau seinem Vater Satz für Satz. Was sich mühevoll anhört, führt dazu, dass Niflioglu schon als kleiner Junge über ein breites Allgemeinwissen verfügt.
1978 geht er mit seinen Eltern zurück in die Türkei. Er gilt als Überflieger, besucht ein Gymnasium und will an der Ägäischen Universität Medizin studieren.
Als sein Vater verstirbt, kehrt Niflioglu mit seiner Mutter und Schwester aus wirtschaftlichen Gründen wieder nach Deutschland zurück. Erst macht er eine Ausbildung zum Kunststoffformgeber im Presswerk Köngen (bei Nürtingen), dann ein Praktikum als Industriekaufmann bei Hengstenberg in Esslingen. 1990 kommt er auf Empfehlung einer Daimler-Auszubildenden zum Stuttgarter Automobilhersteller.
Am türkischen Feiertag im März 1992 saß er zusammen mit fünf weiteren Daimler-Mitarbeitern im Clubheim des VfB Stuttgart zusammen, das sich gegenüber der Konzernzentrale des Automobilherstellers befindet. Alle sechs Mitarbeiter haben türkische Wurzeln, alle sechs einen akademischen Abschluss. An dem Abend ist die Idee entstanden, dass sich die sechs Männer regelmäßig treffen könnten. Die Idee des Daimler-Türk-Treffs (DTT) war geboren. Und aus dem halben Dutzend der ersten Stunden wurden bis zum heutigen Tag mehr als 1.500 Mitglieder weltweit, die aktuell das größte und gleichzeitig älteste Mitarbeiternetzwerk Deutschlands bilden. Bei Niflioglu laufen die Fäden zusammen. Es ist die Geschichte eines Mannes, der als Gastarbeiter-Sohn nach Deutschland kommt und die Chancen ergreift, die ihm seine neue Heimat bietet.
Niflioğlu wurde 2011 als Zeitzeuge ins Zeitzeugenportal «Gedächtnis der Nation« aufgenommen.
Er ist Kuratoriumsmitglied im Deutsch-Türkischen Forum Stuttgart, gehört der Jury des Manfred-Rommel-Preis an. Niflioğlu war Teilnehmer des 6. Nationalen Integrationsgipfels der Bundesregierung und Botschafter der Einbürgerungskampagne des Integrationsministeriums Baden-Württemberg. Er ist Gründungsmitglied und war im Vorstand des Deutsch-Türkischen Arbeitskreis in der CDU.

Der ULUBALDEF Vorsitzende Ekrem Selimler verleiht Nejdet Niflioglu den Titel Evald i Fatihan in der Residenz des türkischen Generalkonsuls in Stuttgart. Von re.: Ehefrau des ULUBALDEF Vorsitzendern, der Generalkonsul Ahmet Akıntı, Nejdet Niflioglu, Ekrem Selimler, Dr.Elise Ayhan, die aus den Niederlanden anreiste. Foto: Privat


2013 wurde Niflioglu von Bundespräsident Joachim Gauck mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. 2013 und 2014 erhielt Niflioglu die Ehrenpreise der Autolead Conference und Top Marken Konferenz in İstanbul. 2015 verlieh ihm, der ULUBALDEF-Vorsitzende Ekrem Selimler den Titel Evlad-ı- Fatihan. Die osmanischen Herrscher bezeichneten als Evlad i Fatihan (leibliche Kinder des Eroberers), Gelehrte, die in eroberte Gebiete angesiedelt wurden, um dort das «Türkentum« –die Kultur, Sprache und Umgangsformen zu verbreiten. In dieser Tradition möchte ULUBALDEF heute Menschen auszeichnen, die das «Türkentum« am besten vertreten.

Fortsetzung, Teil 2: Einer von uns

Corona-Krise als Chance nutzen

Nejdet Niflioglu gründete mit seinem Sohn Denis und Tochter Ailen ein deutsch-türkisches Unternehmen

Zum Jahreswechsel planten viele ein neues Unternehmen ohne zu wissen, dass der Coronavirus Covit-19 bereits im März eine ganze Welt lahmlegen würde. Dieses Schicksal teilen Nejdet Niflioglu, sein Sohn Denis und Tochter Aylin mit vielen gleichermaßen. Allerdings: Das deutsch-türkische Familien-Unternehmen versteht die Pandemie-Krise als Chance. Sie nutzten den Lockdown, um mit hochwertigen Möbeln, die Bakterienresistent und nicht brennbar sind, ihre erste gemeinsame Firma Bounce auf Kurs zu bringen. Die ganze Reportage folgt.


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